Inhalt
In einem Internat für kurdische Jungen im verschneiten osttürkischen Bergland führen die türkischen Lehrer ein strenges Regiment. Als bei der wöchentlichen Kollektivdusche drei Jungs herumalbern, zwingt der Aufseher Hamza sie, sich mit kaltem Wasser zu waschen. Einer davon ist der schmächtige, elfjährige Memo. Nachts fragt er seinen Zimmerkameraden Yusuf, ob er bei ihm im Bett schlafen darf. Doch Yusuf sagt Nein, weil er peinliches Gerede fürchtet. Am Morgen liegt Memo apathisch im Bett. Yusuf schleppt ihn ins karg ausgestattete Krankenrevier. Auch dort ist es kalt, denn im Internat ist bei klirrender Kälte die Heizung ausgefallen. Und der Sanitäter hat nur eine Aspirintablette für den Kranken, der nicht mehr ansprechbar ist. Während Yusuf versucht, die Lehrer auf den Zustand Memos aufmerksam zu machen, winken die erst desinteressiert ab. Es dauert lange, bis sie und der Direktor den Ernst der Lage erkennen. Als sie Memo zum Arzt bringen wollen, bleibt das Auto im tiefen Schnee stecken.
Umsetzung
Das geradlinig erzählte Drama ist autobiographisch geprägt: Regisseur Ferit Karahan hat selbst sechs Jahre in einem solchen Internat verbracht. Die nüchterne, aber dennoch intensive Inszenierung ist geprägt durch die kühle Farbgebung, eine konsequente Handkamera und einen gemächlichen Montagerhythmus. Der Verzicht auf Filmmusik unterstreicht die Unwirtlichkeit des weitläufigen Internatsgebäudes. Der Film wurde im veralteten Normalbild- oder Fernsehformat (1:1,33) gedreht, dessen enge Kadrierung als visuelles Äquivalent für die Beklemmungen der Schüler interpretiert werden kann. Der Großteil der Handlung spielt in Innenräumen, die oft so kalt sind, dass man den Atem sieht. Zwischendurch gewähren ruhige Einstellungstotalen Ausblicke auf imposante verschneite Bergspitzen. Die Regie versucht mit einem Dialog-Running Gag der Lehrenden ("Er hat kein Fieber!") die Tristesse des demotivierenden Schulalltags aufzulockern – mit mäßigem Erfolg.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
In dem Internat werden die kurdischen Jungen auf Türkisch unterrichtet und sind einer systematischen Indoktrination ausgesetzt. So korrigiert eine Lehrerin in rüdem Ton einen Schüler, der von einer "kurdischen Region" spricht, mit dem Hinweis: "Das ist die ostanatolische Region." Wie spiegelt sich die Repressionspolitik der Türkei gegenüber der kurdischen Minderheit im dargestellten System Schule? Der Film lässt das Internat wie ein Zuchthaus wirken: Appell auf dem Hof, Leibesvisitationen, Lehrer mit Rohrstock, Ohrfeigen aus nichtigem Anlass, öffentliche Demütigungen. Die Schüler*innen können untersuchen, wie das Klima der Angst und Unterdrückung auch durch die filmische Gestaltung (Farbgebung, Kamera, Musik, Bildformat) ausgedrückt wird. Das Schlussbild zeigt Yusuf mit teilweise geschorenem Kopf. Er ist offenbar der Einzige, der im Fall Memo bestraft wurde. Dagegen weisen die Erwachsenen die Verantwortung für die Erkrankung Memos von sich und geben sich gegenseitig die Schuld. Das wirft die Frage nach Gerechtigkeit auf. Warum werden die Lehrer und Aufsichtspersonen nicht belangt? Was sagt das über das Erziehungssystem aus?
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Kleber
,
03.07.2023
,
letzte Aktualisierung:
05.07.2023
Regie
Ferit Karahan
Buch
Ferit Karahan, Gülistan Acet
Darsteller*innen
Samet Yıldız, Nurullah Alaca, Ekin Koç, Mahir İpek, Cansu Fırıncı, Melih Selçuk u. a.
Länge
85 Min
Sprachfassung
türkische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
déjà-vu Film
Festivals
Berlinale Panorama 2021: FIPRESCI Award; Valencia Cinema Jove 2021: Best Film Award, Audience Award