Inhalt
Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, gingen fast alle bedeutenden Schriftsteller*innen ins Exil. Über diejenigen, die zwischen 1933 und 1945 im Land blieben, hat Anatol Regnier ein spannendes Buch geschrieben. Felix von Boehm und Dominik Graf haben es als Filmessay adaptiert. Regnier selbst führt darin als Literaturhistoriker in die Archive und an die Lebensorte bekannter Autor*innen, deren Biografien im NS-Regime zwischen ideologischer Begeisterung oder Anpassung, Berufsverboten oder heimlicher Ablehnung unterschiedliche Verläufe nahmen: Gottfried Benn, Erich Kästner, Jochen Klepper, Hans Fallada, Hanns Johst, Ina Seidel und Will Vesper. Einfache Kategorisierungen vermeidet der Film und er stellt insbesondere den bis heute verbreiteten Ausdruck „innere Emigration“ (Frank Thiess) in Frage. Es entsteht ein differenziertes Bild über das Künstler*innenleben im Faschismus und die Graustufen von Schuld und Mitverantwortung.
Umsetzung
JEDER SCHREIBT FÜR SICH ALLEIN verbindet auf gelungene Weise essayistische und informative Elemente. Der Film nutzt unterschiedlichste visuelle Materialien: Reportage-Szenen mit Regnier, historische Archivfilme, Fotografien, Handyvideos, Reenactments, Spielfilm-Ausschnitte und sogar Probeaufnahmen von Grafs letztem Film, der Kästner-Adaption FABIAN. Die Montage bringt diese heterogenen Bilder jedoch in eine stringente Dramaturgie und setzt sie mal illustrativ, mal assoziativ zur Thematik ein. Eine klare Struktur – jeder Person ist eine Episode gewidmet – und Texttafeln mit wesentlichen Informationen helfen dabei, die Fülle an Material zu ordnen. Denn auch auf der Tonspur sprechen etliche Stimmen, zu hören sind Auszüge aus Werken oder Briefen, Interviews mit Expert*innen und auch ein literarisch stilisierter Voice-Over-Erzähler.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
JEDER SCHREIBT FÜR SICH ALLEIN vermittelt historisch genau, dass in der NS-Diktatur keine unpolitische Künstler*innen-Existenz möglich war. Im Zentrum steht die Frage, wie die Porträtierten auf den neuen Staat reagierten und was sie in dieser Zeit schrieben. Aufgrund der Länge bietet sich es sich an, mit Ausschnitten zu arbeiten. Für Geschichte ist etwa die Episode über Klepper interessant, der – trotz einer jüdischen Ehefrau – aus christlicher Überzeugung dem Regime Gehorsam leistete. Viel Stoff bietet der Film für den Deutschunterricht in der Oberstufe, etwa für eine Auseinandersetzung mit Leben und Werk von Gottfried Benn und Erich Kästner. Auch wenn einer der Autoren im Fokus der Unterrichtsreihe steht, sollte nach der Sichtung unbedingt auf die Form des Filmessays – Montage, prägnante Bildmotive (die verlorenen Schuhe), Erzähler-Stimme – eingegangen werden. In dieser Form betonen Graf und von Boehm unter anderem, dass der Blick von heute auf historische Biografien einer Spurensuche gleicht, die stets Rätsel aufgibt.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Jan-Philipp Kohlmann
,
01.08.2023
,
letzte Aktualisierung:
02.08.2023
Regie
Dominik Graf, Felix von Boehm
Buch
Anatol Reigner, Dominik Graf, Constantin Lieb
Darsteller*innen
Mitwirkdene Anatol Regnier, Florian Illies, Géraldine Mercier, Albert von Schirnding, Christoph Stölzl, Henrike Stolze, Günter Rohrbach u. a.
Länge
169 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung
Format
digital, Farbe
FSK
ohne Altersbeschränkung
Verleih
Piffl Medien
Festivals
Woche der Kritik Berlin 2023