Inhalt
Das melancholische Mädchen sucht einen Schlafplatz, aber eigentlich einen Platz im Leben. Sie weiß, dass das niemanden interessiert. Melancholische Mädchen sind hübsch anzuschauen, aber langweilig. So sagt es die junge Frau in die Kamera und vielen jungen Männern, die sich durchaus für sie interessieren, aber aus den falschen Gründen. Auf der Reise von Bett zu Bett („Der neue Tourismus findet in Betten statt“) reflektiert sie ihre Situation als Frau, Sexobjekt und Schriftstellerin, die über das erste Kapitel nie hinauskommt. Zwischen Yoga-Kurs, Psychotherapie und albernen One-Night-Stands begreift sie ihr Selbstmitleid als legitimen Ausdruck ihrer Ausweglosigkeit – und als Politikum. Sie könnte darüber lachen und sagen, sie habe nur einen schlechten Tag. Aber das melancholische Mädchen lacht nie. Sie macht auch nie Witze, was allerdings ziemlich lustig wirkt.
Umsetzung
In fünfzehn Episoden entlarvt „Das melancholische Mädchen“ das moderne Leben als leere Fassade. Folgerichtig finden die durchgespielten Szenen in Studiokulissen statt, knallige Fototapeten im Hintergrund stellen keine Illusion her, sondern bilden sie ab. Die Suche des melancholischen Mädchens nach einem Schlafplatz ersetzt denn auch bewusst keine Spielfilmhandlung, stattdessen wird in den revueartig inszenierten Begegnungen mit diversen Männern oder spirituell erleuchteten Müttern die gesellschaftskritische Theorie entwickelt. Philosophische Zitate werden zu Slogans weiblicher Selbstbehauptung. Allerdings eröffnen sich durch das an Brechts Verfremdungseffekt geschulte uneigentliche Schauspiel – alle Akteure*innen deklamieren ihren Text betont emotionslos – und die nostalgische Musikuntermalung mit Big-Band-Jazz auch Ebenen der Ironie. Meint das melancholische Mädchen alles, was es sagt? Oder ist auch die Ironie nur eine Waffe im Kampf gegen die politischen Umstände?
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Schwere diskurspolitische Fragen zu Gender und neoliberalen Anhängigkeiten serviert Susanne Heinrich mit großer Leichtigkeit. In den dargestellten Debatten um Feminismus und weibliche Selbstoptimierung, verdeutlicht etwa in einer absurden Castingshow, können sich Schüler*innen durchaus wiedererkennen. Wenn nackte Männer Posen einnehmen, die dem üblichen Werbebild von Frauen entsprechen, werden Sehgewohnheiten lustvoll persifliert. In künstlerischen Fächern lassen sich anhand der extrem stilisierten Inszenierung postmoderne Ausdrucksformen in Theater und Film sowie die Arbeit mit intertextuellen Bezügen diskutieren. Die augenzwinkernd-nostalgische Gestaltung im Gewand der Fünfzigerjahre erlaubt aber auch eine historische Betrachtung: Inwieweit haben sich Frauenbilder gewandelt? Wo stehen wir heute, zwischen Hypersexualisierung und Prüderie? Mit seinem steten Wechsel zwischen Humor und bitterem Ernst macht der Film Lust, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Im Zeitalter von sozialen Medien und dem allgegenwärtigen Zwang zur Selbstdarstellung sind sie aktueller denn je.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Philipp Bühler
,
31.05.2019
,
letzte Aktualisierung:
09.11.2022
Regie
Susanne Heinrich
Buch
Susanne Heinrich
Darsteller*innen
Marie Rathscheck, Nicolo Pasetti, Yann Grouhel, Nicolai Borger u. a.
Länge
80 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung, auch mit englischen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
Edition Salzgeber
Festivals
Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Bester Spielfilm, Preis der ökumenischen Jury