Inhalt
Um 1960 tut sich der zwölfjährige Bergarbeitersohn Julian Collien im Ruhrgebiet schwer in der Schule, in der die Lehrer noch prügeln dürfen. Als er von dort wegläuft, schlägt ihn zuhause die Mutter mit einem Rührlöffel. Im rauen Ruhrpott-Milieu kümmert sich Julian liebevoll um seine jüngere Schwester Sophie und steht sonntags als Messdiener in der Kirche. Mit wachen Augen beobachtet er die Erwachsenenwelt, die er aber erst ansatzweise versteht. Als die Mutter Liesel krank wird, fährt sie in den Sommerferien mit Sophie zu Verwandten an die See. Julian bleibt bei seinem Vater Walter, der ihn wegen der Schichtarbeit im Kohlestollen oft allein lassen muss. Julian erfasst erstmals die erotische Ausstrahlung der 15-jährigen Nachbarstochter Marusha und entzieht sich den Nachstellungen eines pädophilen Nachbarn. Als sich die erotische Spannung entlädt, droht die Familie auseinanderzubrechen.
Umsetzung
Die einfühlsame Inszenierung bemüht sich um eine kongeniale Übertragung des Erzählstoffes des gleichnamigen Romans von Ralf Rothmann aus dem Jahr 2004 ins Medium Film. Der regelmäßige Wechsel von Szenen mit Julian und meist dunklen Bergwerkszenen mit seinem Vater kehrt auch im Film wieder. Für eine authentische Atmosphäre sorgt neben der sorgfältige Auswahl bzw. Rekonstruktion der Spielorte der zurückhaltende Soundtrack, der mehrfach die „Hymne“ der Bergleute, das berühmte „Steigerlied“, variiert. Das auffälligste Gestaltungsmittel ist der häufige und keiner naheliegenden Ursache folgende Wechsel von Farbe und Format.
Winkelmanns Stammkameramann filmt mal in Farbe, mal in Schwarzweiß, pendelt zwischen Breitwand und alten TV-Format, wobei Farbgebung und Format sogar in einer Einstellung wechseln können.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Im Film fürchtet Julian den prügelnden Lehrer und wird von der Mutter und einem älteren Jungen geschlagen. Diese Szenen liefern Ansatzpunkte für eine vergleichende Analyse der damaligen Ansichten über die Prügelstrafe und des heutigen Ideals einer gewaltfreien Erziehung. In der pädagogischen Arbeit liegt ferner ein Vergleich zwischen Roman und Film nahe. Dabei können Arbeitsgruppen untersuchen, warum der Film bestimmte Figuren und Nebenhandlungen weglässt, welche thematischen Schwerpunkte er setzt und wo er neue Deutungen anbietet. Der mehrfache Einsatz des „Steigerlieds“ im Film bietet im Musikunterricht Gelegenheit, die weitreichende Wirkungsgeschichte dieses Volkslieds bis heute nachzuzeichnen. Im Fach Kunst gibt der irritierende Wechsel von Farbe und Format Anstöße zu einer vertiefenden Analyse filmischer Gestaltungsmittel. Dazu sagt der Regisseur Winkelmann: „An einigen Stellen des Films war es mir wichtig, die Bilder von überflüssiger Farbinformation zu befreien und auf das Wesentliche zu reduzieren.“ Welche Stellen meint er?
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Kleber
,
21.04.2016
,
letzte Aktualisierung:
09.01.2019
Regie
Adolf Winkelmann
Buch
Till und Nils Beckmann, Adolf Winkelmann
Darsteller*innen
Charly Hübner, Oscar Brose, Lina Beckmann, Peter Lohmeyer, Stephan Kampwirth, Caroline Peters, Nina Petri, Ludger Pistor u. a.
Länge
122 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung
Format
Farbe und schwarz-weiß, digital
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
Weltkino Filmverleih
Festivals
Preis des Kirchlichen Filmfestivals Recklinghausen 2016