Inhalt
Am 21. August jährt sich der Todestag des 1960 geborenen, Gattungsgrenzen sprengenden Allround-Künstlers Christoph Schlingensief zum zehnten Mal. Bereits in Amateurfilm-Aufnahmen aus dem familiären und schulischen Umfeld lässt der früh dem Theatralischen zugetane Heranwachsende eine Andersheit erkennen, die allerdings sein späteres Unbehagen an Geschichte und Kultur seines Heimatlandes noch nicht erahnen lässt. Improvisatorisch-experimentell anmutende, provozierende und konsensstörende Herangehensweisen („in das Schweigen hineinschreien“) hat er zeitlebens nie hinter sich gelassen – als Autor, Regisseur, Darsteller, Kameramann, Cutter und Produzent seiner Filme, die ab Mitte der 1980er Jahre vereinzelt auch eine kleine Gemeinde im Kino erreichten. Darüber hinaus hat Schlingensief in den letzten beiden letzten Lebensdekaden mit seinen Theater- und Opernarbeiten an der Berliner Volksbühne, in Bayreuth, Wien und Manaus, mit Festivalteilnahmen, Fernsehinterventionen sowie zahlreichen Aktionen und Installationen bis hin zur Einrichtung eines Operndorfes in Burkina Faso den kulturellen und politischen Diskurs hierzulande mitgeprägt.
Umsetzung
Das Porträt der Filmeditorin, die neben der Montage in namhaften deutschen Filmen auch in zwei Kinofilmen Schlingensiefs für den Schnitt verantwortlich zeichnet, montiert das Archivmaterial mit Sequenzen aus Super-8-Filmen seiner Kindheit, Ausschnitten aus seinen Filmen, Theater- und Opern-aufzeichnungen, Fernsehproduktionen, Aktionen und Talkshow-Auftritten zu einem ungewöhnlichen Collage-Film. Er verdankt sich dem filmarchivarisch glücklichen Umstand, dass der Porträtierte von Familiär-Persönlichem über seine jahrzehntelangen filmischen Aktivitäten bis hin zu seinen zahlreichen außerfilmischen Inszenierungen und Interventionen sehr vieles in bewegten Bildern dokumentiert hat bzw. hat dokumentieren lassen. Jenseits üblicher Talking-Head-Dramaturgie, zurückhaltend verwoben mit Helge Schneiders Musik, lebt der Montage-Film vom erzählenden, sich immer wieder selbstbefra-genden Kommentator Schlingensief, der mit energetischer Stimme und Gestik Innenansichten einer bei allem Provozierendem überaus verletzlichen Künstlerpersönlichkeit gewährt.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Der Film bietet eine Hinführung zu einem politisch-ästhetisch kontroversen Werk zeitgenössischer Kunst vor und nach der Jahrtausendwende, das spartenübergreifend nicht nur für die Freiheit der Kunst, ihr Aushalten von Differenzen und Ambivalenzen steht, sondern immer auch für die damit verbundenen Möglichkeiten politischen Handelns. Heute Heranwachsenden vermittelt sich Anschauungsmaterial, wie aus zunächst amateurhaft-autodidaktischer Herangehensweise kreative film-, theater- und aktionskünstlerische Verfahrensweisen werden, die sich in aktuelle politische Fragestellungen einmischen. Indem sichtbar wird, wie Autor und Werk couragiert vom Konsens abweichen, engagiert nach Diskursräumen und Interventionsmöglichkeiten suchen, vermag der Film Jugendliche zur Auseinandersetzung mit Schlingensiefs wiederkehrenden, unverändert aktuellen kultur-, gesellschafts- und geschichtspolitischen Themen anzuregen. Die Darstellung des Werdegangs unter Einbeziehung von Ausschnitten auch aus den Schüler- und Jugendfilm-Arbeiten dürfte besonders diejenigen ansprechen, die sich in der einen oder anderen Weise selbst künstlerisch-kreativ betätigen wollen.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Middel
,
14.07.2020
,
letzte Aktualisierung:
29.11.2021
Regie
Bettina Böhler
Buch
Bettina Böhler
Darsteller*innen
Mitwirkende: Christoph Schlingensief, Margit Carstensen, Irm Herrmann, Alfred Edel, Udo Kier, Helge Schneider, Dietrich Kuhlbrodt, Martin Wuttke, Tilda Swinton u. a.
Länge
124 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung
Format
Farbe und Schwarzweiß
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
Weltkino Filmverleih
Festivals
Internationale Filmfestspiele Berlin 2020, Panorama; Nominierungen Deutscher Filmpreis 2020 in den Kategorien Bester Dokumentarfilm und Bester Schnitt