Inhalt
Die in Paris lebende Lilia reist gemeinsam mit ihrer Partnerin Alice in ihr Geburtsland Tunesien, um an der Beerdigung ihres Onkels Daly teilzunehmen. Während Alice in einem Hotel unterkommt, verschweigt Lilia ihrer Familie die gemeinsame Beziehung. Lilias Mutter ahnt nichts von der lesbischen Beziehung ihrer Tochter, die in Tunesien nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern strafrechtlich verfolgt wird. Als Lilia erfährt, dass ihr Onkel unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen ist, beginnt sie nachzuforschen. Je tiefer sie in seine Vergangenheit eintaucht, desto mehr erkennt sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Die Suche nach der Wahrheit führt sie nicht nur zu den Geheimnissen ihrer Familie, sondern auch in die queere Subkultur Tunesiens.
Umsetzung
Der Film entfaltet sich im Rhythmus der Bestattungsriten, die als streng choreografierte „Tableaux vivants" fast dokumentarisch in Szene gesetzt werden und die gesellschaftliche Ordnung sichtbar macht, die Lilia einengt. Die Handlung findet vor allem im Haus der Großmutter in Sousse statt, dessen verwinkelte Räume, Licht- und Schattenflächen zu einem Spiegel familiärer Geheimnisse werden. Statt inszenierter Rückblenden tritt die Vergangenheit in Schichten, durch Erinnerungen oder „geisterhafte“ Präsenzen, hervor, die Lilia mit leiser Stimme den Weg weisen. Die Inszenierung bleibt ruhig und beobachtend und die Handlung entwickelt ihre atmosphärische Spannung vor allem durch Blicke, Gesten und unausgesprochene Konflikte. Besonders die Figuren der Frauen über mehrere Generationen hinweg zeichnen ein Bild davon, wie gesellschaftliche Normen und familiäre Erwartungen intime Beziehungen und Lebensentwürfe prägen.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Der Film bietet einen seltenen Blick auf queeres Leben in einem arabischen Land und eignet sich, um über die rechtliche und gesellschaftliche Situation von LGBTQIA+-Personen in Tunesien und anderen Ländern zu sprechen. Schüler*innen können untersuchen, welche Mechanismen gesellschaftliche Unsichtbarkeit erzeugen: Wie hängen Familienehre, staatliches Recht und persönliche Freiheit zusammen? Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuchs – ein koloniales Erbe aus der französischen Protektoratszeit – bietet einen konkreten historischen Einstieg in Fragen kolonialer Kontinuitäten und ihrer Auswirkungen auf Grundrechte heute. Zudem regt der Film zur Reflexion über das Verhältnis von Schweigen und Würde an: Was kostet das Unausgesprochene – für Einzelne, für Familien, für ganze Generationen? Auf filmästhetischer Ebene lässt sich analysieren, wie Raum, Licht und Sound genutzt wurden, um innere Konflikte und Vergangenes sichtbar zu machen.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Seggen Mikael
,
24.06.2026
,
letzte Aktualisierung:
25.06.2026
Regie
Leyla Bouzid
Buch
Leyla Bouzid
Darsteller*innen
Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Fériel Chammari, Salma Baccar, Lassaad Jaamoussi, Karim Rmadi u. a.
Länge
113 Min
Sprachfassung
Originalfassung in Arabisch und Französisch mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ohne Altersbeschränkung
Verleih
Neue Visionen Filmverleih
Festivals
Berlinale 2026, Sektion Wettbewerb; Freiburger Lesbenfilmtage 2026: GOLDEN TANNA für den besten Spielfilm