Inhalt
Laurence Coly steht im Städtchen Saint Omer vor Gericht. Die aus dem Senegal stammende junge Frau hatte ihr Kleinkind bei Flut an einem nordfranzösischen Strand ausgesetzt, so dass es ertrank. Hexerei habe sie zu dieser Tat getrieben, sagt die Angeklagte. Diese irrational anmutende Erklärung scheint kaum zu einer sprachgewandten Philosophie-Studentin aus Paris zu passen. Im Laufe des Prozesses werden die Einsamkeit und Verzweiflung der Angeklagten spürbar, die als ambitionierte Frau mit Einwanderungsgeschichte zwischen allen Stühlen sitzt. Neben Laurence Coly sind nur noch zwei weitere Schwarze Frauen im Gerichtssaal anwesend: ihre Mutter und die Schriftstellerin und Professorin Rama, die über den Prozess schreiben will. Ramas Geschichte spiegelt gewissermaßen das Schicksal Colys, gibt es doch im Leben beider Frauen etliche Parallelen: Sie sind Außenseiterinnen in der weißen Mehrheitsgesellschaft und stehen gleichzeitig unter einem hohen Erwartungsdruck von Seiten ihres Herkunftsmilieus.
Umsetzung
Der Prozess bildet das Herzstück des Films. Regisseurin Alice Diop lässt das reale Verfahren, das 2016 gegen die 36-jährige Fabienne Kabou geführt wurde, in wesentlichen Teilen nachspielen. Formal ist das spröde umgesetzt und erinnert von der Inszenierung her stark an ein Theaterstück. Umso größeren Raum geben die langen, statischen Einstellungen den ausdrucksstarken Gesichtern der Schauspielerinnen, vor allem Guslagie Malanda als Angeklagte. Die Gerichtsszenen werden durch eine fragmentarisch erzählte, fiktive Rahmenhandlung um die Schriftstellerin Rama ergänzt. Diese Figur ist eine Art Alter Ego der Filmemacherin, die damals als Beobachterin am Prozess teilnahm. SAINT OMER oszilliert zwischen Dokumentation und Fiktion, Alice Diop hat in Frankreich mit ihren Dokumentarfilmen einige Aufmerksamkeit erlangt. Ihr Spielfilmdebüt ergänzt sie durch Rückblenden und Ausschnitten aus anderen Filmen – zum Beispiel die Medea-Verfilmung von Pier Paolo Pasolini (1969) – die jedoch nicht näher eingeordnet werden.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
SAINT OMER fordert das Publikum auf, eine eigene Haltung zum Geschehen auf der Leinwand zu entwickeln. Der Film gibt keine einfachen kausalen Erklärungen dafür, warum dieser Mord geschah. Umso mehr Stoff bietet er zur Diskussion um Mutterschaft, Geschlechterrollen, Familie, Rassismus und Ausgrenzung. Insbesondere das Plädoyer der Verteidigerin um das chimärenhafte Wesen von Frauen eignet sich für eine vertiefte Analyse. Außerdem nimmt der Film auf den Medea-Mythos Bezug: Welche Parallelen gibt es von der Kindsmörderin der antiken Mythologie zum realen Fall? Überhaupt ist SAINT OMER eine gute Vorlage um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dokumentarischen und fiktionalen Arbeiten zu reflektieren. Formal interessant ist weiterhin die collagenhafte Einbeziehung von fremden Material durch die Regisseurin: Welche Funktion haben diese Einschübe für den Film?
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Dörthe Gromes
,
27.02.2023
,
letzte Aktualisierung:
28.02.2023
Regie
Alice Diop
Buch
Alice Diop, Amrita David
Darsteller*innen
Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville u. a.
Länge
123 Min
Sprachfassung
deutsche Fassung, französische Originalfassung mit Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
Grandfilm
Festivals
(Auswahl) Internationale Filmfestspiele von Venedig: Großer Preis der Jury (2022); Toronto International Film Festival; César für besten Debütfilm (2023), Shortlist für Besten internationalen Film Oskar/Academy Award (2023), London Film Festival (2022)