Inhalt
Provinz Aljazira, Zentralsudan: Als Sakina, die Mutter des neugeborenen Muzamil, in einer Zeremonie den Segen des Imams für ihn erbittet, bricht ein tanzender Derwisch bei der Anrufung der Zahl Zwanzig tot zusammen. Dies gilt den Gläubigen im Dorf als Prophezeiung, dass der Knabe im Alter von 20 Jahren sterben muss. Düster lastet die Weissagung auf der Familie. Muzamils Vater Alnoor verlässt sie, während sich die Mutter fürsorglich um den isolierten Jungen kümmert, der als „Sohn des Todes“ von Gleichaltrigen geächtet und gemobbt wird. In Anbetracht seiner vorausgesagten kurzen Lebensspanne hält die Mutter Schulbildung für entbehrlich; Muzamil aber geht in die Koranschule und macht dort Fortschritte, findet Halt und Anerkennung. Das Mädchen Naima, das ihm zugetan ist, weist er indes beharrlich ab. Erst als der zwanzigste Geburtstag unaufhaltsam näher rückt, lernt er den weitgereisten Außenseiter im Dorf, Sulaiman, näher kennen. Unterstützt von seiner Mitbewohnerin bestärkt der weltzugewandte, Alkohol nicht verschmähende, Film und Kino liebende Lebemensch Muzamil darin, sich von der Todesprophezeiung freizumachen und den Verheißungen des Lebens zuzuwenden.
Umsetzung
Basierend auf der Handlung einer Kurzgeschichte des sudanesischen Schriftstellers Hammour Ziada entwickelt sich die Geschichte in langsamem Erzählrhythmus. Der Debütfilm ist ein „Kamerafilm“ par excellence, der auf die Ausdruckskraft des körpersprachlichen Spiels mit Bewegungen, Blicken und Gesten setzt. Lange Einstellungen machen Status und Gefühlswelt der Figuren in ihrer häuslichen und landschaftlichen Umgebung sichtbar. Die Kamera geht wiederholt von Großaufnahmen der Gesichter der Protagonist*innen durch Fahrten oder auch Zooms auf das Umfeld über, ebenso in umgekehrter Richtung. Charakteristisch sind Hell-Dunkel-Kompositionen, Tableaus, in denen sich die Kamera sacht im Übergang vom Licht in den Schatten bewegt. Dokumentarischer Gestus und eingefügte traumhaft-visionäre Sequenzen vermitteln den Eindruck, als wären die Grenzen zwischen Realem und Fantastisch-Mythischem verschwommen. Nicht zuletzt die schauspielerisch eindringlichen Verkörperungen Muzamils in unterschiedlichen Altern und der Mutter sowie eine zurückhaltend untermalende Filmmusik runden das Gesamtbild ab.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Aufgrund des facettenreichen Einblicks in Kultur, Religion, Rituale, Sitten und Gebräuche im ländlichen Sudan bietet dieses rare Exemplar sudanesischer Kinematografie mit seiner parabelhaft deutbaren, universell ansprechenden Erzählung vom Leben eines Heranwachsenden vor dem prophezeiten frühen Tode thematisch wie filmsprachlich gute Möglichkeiten zur Auseinandersetzung. Der Kern der unkonventionellen Coming-of-Age-Geschichte mit ihrem Ineinander von Mythos und Realität, Schicksalsergebenheit und Emanzipationsbestrebungen lässt sich in einer kontrastmethodisch ergiebigen Analyse einzelner Figuren erschließen – exemplarisch etwa mit Hilfe einer genaueren Betrachtung der Zeichnung der Mutter, des Imams, der verschmähten Jugendliebe Naima sowie des Lebemensch-Antagonisten Sulaiman, der keineswegs ausschließlich als heldenhafte, den Protagonisten erweckende Gegenfigur erscheint. Ohne außerfilmisches Kontextwissen mag einiges rätselhaft bleiben. Umso mehr regt der Film an zu fragen, wie unter gegebenen Bedingungen mit Gläubigkeit und Prophezeiungen individuell umzugehen sei.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Middel
,
31.07.2022
,
letzte Aktualisierung:
03.08.2022
Regie
Amjad Abu Alala
Buch
Yousef Ibrahim, Amjad Abu Alala nach einer Kurzgeschichte von Hammour Ziada
Darsteller*innen
Mustafa Shehata, Islam Mubarak, Mahmoud Elsaraj, Bunna Khalid, Talal Afifi u. a.
Länge
105 Min
Sprachfassung
zentralsudanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
missingFILMs
Festivals
(Auswahl) Internationale Filmfestspiele Venedig 2019, Carthage Film Festival 2019, Filmfest Hamburg 2019, Festival International de Films de Fribourg 2020