Inhalt
Paul Gompitz ist nicht unglücklich in seiner „kleinen DDR“. Aber sein Horizont ist größer: Auf den Spuren des Dichters Johann Gottlieb Seume einmal durch Italien wandern, das wäre sein Traum. Daran ist in der DDR der 1980er-Jahre nicht zu denken. Dem nicht mehr ganz jungen Kellner aus Rostock bleibt eigentlich nur die Flucht. Über die Ostsee, denkt er sich, da kennt er sich aus. Doch sein wahrer Plan ist noch verwegener: Am Ende seiner Reise will Paul auch wieder zurück, zu seiner geliebten Frau Anne, die von seinem tollkühnen Unternehmen nichts erfahren darf. Auf „Republikflucht“ stehen mehrere Jahre Haft, auch Mitwisser*innen drohen Repressalien. Doch den wahren Romantiker hält nichts auf: Auf einer kleinen Jolle sticht Paul schließlich in See, bei Nacht und Nebel, und lässt sein bisheriges Leben hinter sich.
Umsetzung
„Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ lautete bereits der Titel eines 1995 von F. C. Delius publizierten Buchs, das der Schriftsteller nach den wahren Erlebnissen von Klaus Müller verfasste. Warmherzig und detailreich rekonstruiert Regisseur Lars Jessen diese Geschichte eines von der Italiensehnsucht gepackten Einzelgängers in einem unfreien Land. Unzählige Anfragen und Telefonate bei der „Liga für Völkerfreundschaft“ bringen Paul nicht weiter, sondern vielmehr in Gefahr. Mit einiger Situationskomik durchsetzte Spannungssequenzen zeigen seine klammen Versuche, sich seefahrerische Grundkenntnisse anzueignen oder heimlich angespartes Westgeld vorauszuschicken. Emotionales Zentrum der von Pauls Erzählstimme begleiteten Geschichte ist die Liebe zu Anne, der das aufgewühlte Innenleben ihres Mannes nicht verborgen bleibt. Suggestiv gesetzte Vorblenden deuten das Gelingen der Flucht früh an, halten die ebenso bedeutsame Frage der Rückkehr aber in der Schwebe.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Reisefreiheit bedeutet für Paul Gompitz Seelenfreiheit, sie ist mehr als die Flucht vor engen Verhältnissen. Im Unterricht können die Schüler*innen erörtern, wie ihm die rigide Grenzpolitik der DDR dieses Grundrecht verwehrt. Klaus Müllers auch im Film aufgenommener Abschiedsbrief an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, in dem Paul die Befriedigung seiner „persönlichen Reise- und Bildungsambitionen“ als Grund nennt und vorab um Wiedereinreise bittet, kann dabei als Material dienen. Analog zu entsprechenden Animationen im Film kann seine Fluchtroute auf der Landkarte nachvollzogen werden. Paul wird zum Geflüchteten, ohne es zu wollen – eine heute, in Zeiten globaler Migrationsbewegungen, wieder aktuelle Geschichte. Angemessen breiten Raum bekommt auch der deutsch-deutsche Aspekt der Erzählung, die den Kontrast zwischen der „kleinen DDR“ und dem Sehnsuchtsland Italien nicht überstrapaziert. Vom Mauerfall überrascht, kommt Paul wie viele andere nur schwer zurecht mit der neuen Realität. Doch diese eine Reise, die kann ihm niemand nehmen. Zudem lässt sich die Erzählstruktur untersuchen: Welche Funktion übernehmen Pauls Erzählstimme (Voiceover) und die Vorausblenden, die seine Ankunft in Italien vorwegnehmen? Mit welchen filmischen und sprachlichen Mitteln wird Pauls Sehnsucht nach Italien vermittelt? Welche Realität erwartet ihn dort?
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Philipp Bühler
,
31.07.2026
,
letzte Aktualisierung:
04.08.2026
Regie
Lars Jessen
Buch
Heide Kersten, Andreas R. Kersten, nach Motiven der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius
Darsteller*innen
Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara, Jens Münchow, Tom Jahn, Max Tuveri u. a.
Länge
97 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung, barrierefreie Fassungen über Greta & Starks verfügbar
Format
digital, Farbe
FSK
ab 6 Jahre
Verleih
Pandora Film