Inhalt
Im Rahmen des Projekts „Restorative Justice“ leitet die frühere US-Richterin Janine Geske einen Gesprächskreis in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin. Hier können Täter und Opfer bzw. Angehörige von Opfern einander begegnen. Der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert nahm die Initiative zum Anlass, dem Dialog zwischen Tätern und Opfern anhand von drei Mordfällen in den USA, Norwegen und Deutschland weiter nachzuspüren. Nach einer Streiterei wurde ein 16-Jähriger in New York erschossen. Sein verurteilter Mörder muss 40 Jahre absitzen, beteuert aber seine Unschuld. Die Nichtanerkennung der Tat ist für Mutter und Schwester des Opfers schwer zu verkraften. In Norwegen tötete der junge Stiva seine 16-jährige Freundin aus Eifersucht und musste dafür sechs Jahre ins Gefängnis. Der Vater der Ermordeten trauert bis heute und hat Angst, dem entlassenen Täter zu begegnen. In Berlin forscht Patrick, dessen Vater Gerold von Braunmühl 1986 von einem RAF-Kommando erschossen wurde, nach den Umständen des Attentats.
Umsetzung
Hubertus Siegert kommentiert die zwischen 2006 und 2014 geführten Interviews und Begegnungen sehr behutsam aus dem Off. Ansonsten gehört die Bühne alleine den Protagonisten/innen, die von existenziellen Gefühlen wie Trauer, Schuld, Vergebung und Wut erzählen. Der Regisseur kommt den Menschen sehr nahe, nimmt zugleich aber die nötige Distanz zum Geschehen ein und verzichtet auf forcierte Dramatik, was sich etwa in der musiklosen Tonspur zeigt. So fallen die gewählten Bildausschnitte sachlich und funktional aus. Eines der wenigen erzählenden Bilder zeigt den reuigen Stiva alleine am Ort einer Mahnwache für seine ermordete Freundin. Zuvor hatte ein Foto den von trauernden Menschen bevölkerten Platz gezeigt, die dem Opfer mit Kerzen gedenken. Die traditionelle Trennung von Opfern, Hinterbliebenen und Tätern wird hier offenkundig. Diese Grenze aufzulösen, gelingt auch Siegert nicht gänzlich. In jedem der drei Fälle entscheidet sich eine der Seiten gegen ein persönliches Treffen, so dass der Dialog nur indirekt über Videobotschaften oder Stellvertreter stattfindet.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Eine Analyse der drei Fallbeispiele kann die komplexen Beziehungen zwischen Tätern und Angehörigen erhellen. Welche Positionen nehmen die Parteien jeweils ein? Hier spielen freilich auch ethische Überlegungen eine Rolle. Ist Verzeihung bei einem Mord überhaupt möglich oder käme das, wie eine der Protagonistinnen fragt, einem Verrat am Opfer gleich? Ebenfalls diskussionswürdig sind die teils gravierenden Unterschiede in den Strafsystemen, wobei die Vollzugspraxis in den USA und in Norwegen besonders weit auseinander liegt. Während der (nicht geständige) Mörder von Sean eine Haftstrafe von 40 Jahren absitzt, musste Stiva in Norwegen, wo weltweit die mildesten Strafen vergeben werden, nur sechs Jahre ins Gefängnis und konnte zudem Hafturlaube nehmen. Inwieweit unterstützen oder behindern die unterschiedlichen Justizsysteme das Ziel der Resozialisierung? Hiervon ausgehend kann die Klasse auch die moralische Legitimation von Freiheitsstrafen diskutieren.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Christian Horn
,
28.05.2015
,
letzte Aktualisierung:
09.01.2019
Regie
Hubertus Siegert
Buch
Hubertus Siegert
Länge
103 Min
Sprachfassung
deutsch-englische Fassung, teils untertitelt
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
FBW
Prädikat „besonders wertvoll“
Verleih
Piffl Medien GmbH
Festivals
Filmfestival Max Ophüls Preis 2015: Bester Dokumentarfilm; DOK.fest München 2015; nominiert für den deutschen Filmpreis