Inhalt
Ariane und Gerhard, ein wohlsituiertes Ehepaar mittleren Alters, geben vor, das Wochenende getrennt auf Geschäftsreisen zu verbringen. In Wirklichkeit treffen sie sich mit ihren jeweiligen Affären, Kolbe und Irene, in ihrem Zweitdomizil, einem schlossähnlichen Anwesen. Eingefädelt hat diese unerwartete Zusammenkunft ihre 14jährige, gehbehinderte Tochter Angela, die später mit ihrer stummen Erzieherin Traunitz ebenfalls anreist. Die Paare arrangieren sich in scheinbar heiterer Stimmung und beschließen, das Wochenende wie geplant zu verbringen. Beim gemeinsamen Abendessen zusammen mit der Haushälterin Kast und deren erwachsenem Sohn Gabriel drängt Angela darauf, das Gesellschaftsspiel "Chinesisches Roulette" zu spielen, bei der ein Team versucht durch Fragen zu erraten, an wen von ihnen das andere Team denkt. Das Spiel heizt die explosive Stimmung weiter an und entlädt sich in einem unerbittlichen Finale…
Umsetzung
Es gibt wenige Filme, die derart artifiziell inszeniert wurden wie Fassbinders Parabel menschlicher
(Nicht-)Beziehungen. Die Kamera fungiert hier gleichsam als weitere Hauptdarstellerin. Die Anordnungen und Bewegungen der Schauspieler*innen sind ballettähnlich durchchoreografiert. Der weltbekannte Kameramann Michael Ballhaus verbindet dabei Kamerafahrten, Kamerabewegungen (u.a. der „Ballhaus-Kreisel“) mit entsprechenden (Gegen-) Bewegungen der Schauspieler*innen. Das Publikum wird förmlich magnetisch in dieses Psychodrama hineingezogen – Form und Inhalt sind hier untrennbar miteinander verbunden. Daneben gehören außerdem die typischen Fassbinderschen Rahmungen und Spiegelungen dazu, die nahezu jede Einstellung künstlerisch prägen. Die Musikebene mit Musikstücken von Gustav Mahler, Kraftwerk und dem Score von Peer Raben rundet das ästhetische Gesamtkunstwerk virtuos ab.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Trotz des kühlen Schachbrettarrangements wirkt der Film in der Darstellung der Beziehungsgeflechte ungemein dynamisch und spannend. Fassbinders einziger Film mit einer jugendlichen Protagonistin (außer dem nicht mehr verfügbaren Film WILDWECHSEL von 1972) ist ein guter Einstieg, um die Kunst des Filmemachers kennenzulernen. Der Film hinterfragt nachvollziehbar menschliche Beziehungen, ihre alltäglichen Redundanzen und Rituale. Strategien von Nähe und Entfremdung werden dabei aufs Genaueste untersucht. Diese Selbstfindungs- und Erkenntnisprozesse der Filmfiguren können Schüler*innen anregen, über persönliche Beziehungsgeflechte oder auch die Institution Ehe, in Bezug auf die Wahrnehmung nach außen und die tatsächlich gegebene innere Verfassung jeweiliger gesellschaftlicher Paarkonstruktionen nachzudenken. Die Kreativität und Schaffensintensität Fassbinders (allein 1975/76 hat er fünf Spielfilme für Kino und Fernsehen gedreht) sowie seine Begabung, Schauspieler*innen effektvoll und tiefgründig in Verbindung mit einer besonderen Filmästhetik zu inszenieren, kann ebenfalls thematisiert werden.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Dr. Martin Ganguly
,
14.05.2020
,
letzte Aktualisierung:
08.06.2020
Regie
Rainer Werner Fassbinder
Buch
Rainer Werner Fassbinder
Darsteller*innen
Margit Carstensen, Andrea Schober, Alexander Allerson, Ulli Lommel,
Anna Karina, Macha Méril, Brigitte Mira, Volker Spengler, Armin Meier u. a.
Länge
86 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung
Format
35mm. digitalisiert, Farbe
FSK
ab 16 Jahre
Verleih
Deutsches Filminstitut Filmmuseum Frankfurt (ursprünglicher Verleih: Filmverlag der Autoren)