Inhalt
Man sieht es der jungen Frau nicht an, aber Cléo ist krank. Wie schlimm, das wird sie erst wissen, wenn sie abends die Diagnose erhält. Verstört verlässt sie eine Wahrsagerin, bei der sie den Tod auf einer Tarot-Karte direkt vor Augen hatte. Aber Sterben ist mitten im Leben unvorstellbar. „Solange ich schön bin“, sagt Cléo beim Blick in den Spiegel „bin ich lebendiger als die anderen!“ Sie ist es gewohnt, dass man ihr – groß, schlank und elegant – hinterherschaut, dass sie als populäre Sängerin Komplimente erhält und im Mittelpunkt steht. Doch all die Aufmerksamkeit hilft nicht gegen Einsamkeit und Angst. Erst als sich Cléo nach einer emotional aufwühlenden Probe neuer Chansons davonmacht, allein durch Paris streift und sich anderen Menschen gegenüber öffnet, findet sie die innere Ruhe und Kraft, ihr Leben und ihre Krankheit anzunehmen.
Umsetzung
Einige Stunden im Leben einer jungen Frau – in Cléo – Mittwoch zwischen 5 bis 7 (im Original ist es „Mardi“, ein Dienstag) entspricht die erzählte Zeit fast der Erzählzeit. Zwischentitel umreißen minutengenau die einzelnen Episoden des Films, der um 17:05 bei der Kartenlegerin beginnt und um 18:30 im Park des Krankenhauses endet. Die bewegliche Kamera ist immer dabei, hält auch das vermeintlich Unwichtige fest – etwa eine lange Taxifahrt durch Paris – und verdeutlicht so Cléos Zeitempfinden. Gedreht wurde – typisch für die Nouvelle Vague – an Originalschauplätzen. Dokumentarische Straßenszenen verorten die Geschichte in das Paris der frühen 1960er. Jump-Cuts und eigenwillige Cadragen lenken den Blick auf die Titelfigur. Auffällig ist auch der Wechsel zwischen Naheinstellungen, Totalen und Subjektiven. Mitunter entfernt sich die Kamera und beobachtet das Geschehen aus der Aufsicht. Ein stummer Kurzfilm mit Jean-Luc Godard und Anna Karina als Liebespaar, den Cléo im Vorführraum eines Kinos ansieht, steht als eigenständiges Werk mitten im Film, kommentiert aber durchaus Cléos Weltsicht.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Die Regisseurin Agnès Varda stellt in ihrem zweiten Film eine komplexe und ambivalente Frauenfigur ins Zentrum, die sich von einem Objekt, das betrachtet und bewertet wird, zu einem handelnden Subjekt entwickelt. Die Gesangsprobe, melodramatischer Höhepunkt des Films, bildet hier eine Zäsur und läutet Cléos Entwicklung ein, die im Unterricht genau analysiert werden kann. Wie verändern sich Darstellung und Charakter der Figur? Und warum sagt Cléo am Ende, dass sie glücklich sei? Zudem kann das Motiv der Spiegel und Spiegelungen untersucht werden und zur Anfertigung eigener Porträts anregen. Daneben lohnt es sich, die filmästhetischen Besonderheiten zu untersuchen, so auch den auffälligen Farbwechsel in der Anfangsszene, und deren Wirkungen bzw. Bedeutungen zu hinterfragen. Beschäftigung bieten ebenso die Inszenierungsformen der Protagonistin, die sich mit dem dokumentarischen Blick in den städtischen Raum jener Zeit verbinden. Varda beschrieb ihre Arbeit, als „Cinecriture“, als Schreiben mit Film, und die Kamera als ein Werkzeug. Dies führt zu der Frage, wie diese Herangehensweise im Film sichtbar wird.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Kirsten Taylor
,
13.01.2021
,
letzte Aktualisierung:
18.02.2021
Regie
Agnès Varda
Buch
Agnès Varda
Darsteller*innen
Corinne Marchand, Antoine Bourseiller, Dominique Davray, Dorothée Blanch, Michel Legrand, José Luis de Villalonga, Jean-Luc Godard, Anna Karina u. a.
Länge
90 Min
Sprachfassung
deutsche Fassung, französische Originalfassung mit Untertiteln
Format
35 mm, digitalisiert, Farbe und schwarz-weiß
FSK
ab 12 Jahre
Festivals
Syndicat Français de la Critique de Cinéma (SFCC) 1963: Bester französischer Film