Inhalt
Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie findet Martin Blunt, der erfolgreich als Mathematiker gearbeitet hat, keine Anstellung mehr. Getrennt von seiner Freundin, verfällt er dem Alkohol und driftet wie im Trance bald obdachlos durch Berlin, bis er nächtens angefahren und brutal verprügelt wird. In einem Abbruchhaus trifft er auf das geheimnisvolle ukrainische Straßenkind Viktor, zu dem er über Gesten und Blicke zarte Freundschaft knüpft. Sie verlassen die unwirtliche Stadt und finden vorübergehend Unterschlupf in einer selbst errichteten Waldhütte, wo sie von einem besseren Leben träumen. Beim Flaschensammeln in der Stadt lernt Martin die junge Zahnarzthelferin Lena kennen, deren Ex-Freund als Aussteiger in Portugal lebt. Bevor sich der Traum von einer gemeinsamen Reise ins portugiesische Aussteigerparadies erfüllt, holt die Wirklichkeit sie ein.
Umsetzung
Erneut vermischen sich die Grenzen zwischen albtraumartiger Halluzination, verrückter Realität und normal erlebter Gegenwart in einer seit dem WEISSEN RAUSCHEN (2001) für Weingartner charakteristischen filmsprachlichen Weise. Die erzählte Geschichte exponiert die Figur eines psychisch fragilen, tragischen Außenseiter-Helden, der sich, utopisch gesinnt und zum Scheitern bestimmt, aus dem Korsett gesellschaftlicher Zwänge befreien möchte. Mit Hilfe von entfesselten Kamerabewegungen, gekippten Perspektiven, hektisch-abrupten Schnittfolgen, Flashbacks, entsättigten Farben, ungefiltert-rauem Ton und sparsam atmosphärisch eingesetzter, teils kontrapunktischer (Gitarren-)Musik erscheint das Erzählte authentisch, immer wieder auch flirrend suggestiv umgesetzt. Die innere Bewegung des Films und des Protagonisten spiegelt sich in treffend ausgewählten Schauplätzen, die das Angezogen- wie Abgestoßenwerden von Gesellschaft kongenial ausdrücken.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Die von Weingartners Film normenkritisch akzentuierte Frage Was ist verrückt, was ist normal? umkreist den Themenkomplex schulischer wie außerschulischer Werteerziehung. Seine dramaturgische Stärke, den Zuschauern bestimmte Sichtweisen und Interpretationen nicht aufzudrängen, fordert und fördert das selbständige Erarbeiten dazu dienender filmischer Mittel und Motive. Für ältere Schülerinnen und Schülern am Ende der Mittelstufe lässt sich das schillernde Spiel mit der Wahrnehmung von verrückt und normal beispielsweise über die konträre Sicht Martins und der Psychotherapeutin auf die mysteriöse Figur des kleinen Jungen erschließen: Welche Plotindizien und Inszenierungsdetails sprechen für seine Existenz in der äußeren Wirklichkeit, wie es die Sichtweise der Hautfigur nahe legen könnte; welche für eine Einbildung, für eine Abspaltung als Teil der inneren, psychischen Realität des Protagonisten?
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Middel
,
01.09.2011
,
letzte Aktualisierung:
27.10.2016
Regie
Hans Weingartner
Buch
Cüneyt Kaya, Hans Weingartner
Darsteller*innen
Peter Schneider, Timur Massold, Henrike von Kuick, Andreas Leupold, Julia Jentsch u. a.
Länge
114 Min
Sprachfassung
deutsch
Format
35mm, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
FBW
Prädikat „besonders wertvoll“
Verleih
Wild Bunch
Festivals
BFI London Filmfestival 2011