Inhalt
Als die deutsche Jüdin Gerda Tuchler 98-jährig stirbt, fällt ihrem Enkelsohn, dem Filmemacher Arnon Goldfinger die Aufgabe zu, die mit Erinnerungsstücken vollgestopfte Wohnung zu entrümpeln. Ende der 30er Jahre war Gerda mit ihrem Ehemann Kurt aus Berlin nach Tel Aviv ausgewandert, ohne dort jemals eine neue Heimat zu finden. Inmitten unzähliger Pelzmäntel, Handtaschen, eleganter Handschuhe und Bergen von deutschen Büchern und Zeitschriften stößt Goldfinger auf ein beunruhigendes Familiengeheimnis: Vor und nach dem Krieg waren die Tuchlers mit der Familie von Baron von Mildenstein, einem SS-Offizier und Mitglied des Nazi-Regimes, eng befreundet. Goldfinger stellt weitere Nachforschungen an, die ihn schließlich nach Deutschland und in die unfassbare Vergangenheit seiner Familie führen.
Umsetzung
Arnon Goldfinger entwickelt die Geschichte aus einer simplen Ausgangssituation wie einen spannenden Detektivfilm, der seine Spannung umso mehr steigert, je mehr Details aus der Vergangenheit seiner Großeltern zum Vorschein kommen. Dabei scheint er nie mehr zu wissen als seine Zuschauer, sondern entdeckt staunend und sozusagen gemeinsam mit dem Publikum die einzelnen Mosaiksteinchen, die sich zu einer unvorstellbaren Familiengeschichte zusammenfügen. Auf äußerst humorvolle, teils ironische Art und Weise verbindet der Regisseur dabei Zeitgeschichte mit der Gegenwart, wobei letztere in der bildlichen Darstellung deutlich überwiegt. Axel Milberg, der die (Off-) Kommentare Arnon Goldfingers in der deutschen Fassung spricht, trifft dazu genau den richtigen Ton.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Obwohl die Themen Flucht aus Nazideutschland und Holocaust nie im Vordergrund stehen, bietet Die Wohnung Gelegenheit, sich dieser Materie aus einem ungewöhnlichen und erfrischend neuen Blickwinkel zu nähern. Der Film ist zugleich ein Lehrstück darüber, wie die erste, zweite und dritte Generation Holocaust-Überlebender mit Erinnerung und Geschichte umgeht. Wer stellt Fragen, wer schweigt und warum ist das so? Das Beispiel der Tochter des Barons von Mildenstein zeigt, wie biografische Forschung mit einem persönlichen Andenken kollidieren kann und fordert zu einer Diskussion auf, wie weit der Forschende gehen darf und muss, wenn sehr starke negative und verdrängte Gefühle hervorgerufen werden. Der Film eignet sich auch für eine Analyse der Möglichkeiten von Dokumentationen, Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Sabine Genz
,
06.06.2012
,
letzte Aktualisierung:
24.04.2020
Regie
Arnon Goldfinger
Buch
Arnon Goldfinger
Darsteller*innen
Erzähler: Axel Milberg
Länge
97 Min
Sprachfassung
deutsche Originalfassung, z.T. mit deutschen Untertiteln
Format
35mm, Farbe
FSK
ohne Altersbeschränkung
Verleih
Salzgeber
Festivals
Bayerischer Filmpreis 2012 für den besten Dokumentarfilm; zahlreiche Auszeichnungen auf israelischen