Inhalt
China, frühe 1970er Jahre: Irgendwo in der Wüste Gobi erreicht ein aus der Umerziehungshaft entflohener Mann, der auf der Suche nach einem sekundenkurzen Wochenschau-Filmausschnitt mit seiner vermissten minderjährigen Tochter ist, einen Ort, in dem der Filmvorführer, genannt Kinoonkel, gerade die Vorführung des Abendprogramms für den nächsten Tag im Wanderkino vorbereitet. Der namenlos bleibende Entflohene muss jedoch mitansehen, wie das umherstreifende Waisenmädchen Liu die Filmrolle eben jener Wochenschau Nr. 22 entwendet, um aus dem Zelluloid Lampenschirme zur Sicherung des Auskommens für sich und ihren kleinen Bruder herzustellen. Nach einem Katz-und-Maus-Spiel gelingt es dem Mann zwar, die entwendete Wochenschau-Rolle zurückzubekommen; zum Entsetzen aller ist nun jedoch der Hauptfilm infolge einer Verschmutzung bei der Anlieferung nicht vorführbar. Im Anschluss an eine kollektive Reinigungsaktion bekommt das begeisterte Publikum den Film doch noch zu sehen, ebenso wie der gerührte Mann hernach mehrfach exklusiv die Wochenschau mit den Bildern seiner Tochter. Was aber wird aus ihm und seiner Tochter werden?
Umsetzung
Meisterregisseur Zhang Yimou (u. a. DAS ROTE KORNFELD, 1987) verdichtet die Erzählung anhand einer nuancierten Zeichnung von drei miteinander verknüpften und in Geschichte verstrickten Figuren. Das mit ausreichend tragikomischem Humor leichthändig inszenierte Drama überzeugt nicht zuletzt durch seine Kameraarbeit. Sie vermittelt beeindruckende Landschaftspanoramen und empathisch-emotional ansprechende Details – sowohl in der Zeichnung der Figurenschicksale als auch bei der Darstellung der Materialität des Films sowie des gemeinschaftlichen Erlebens der Magie von Film und Kino. Es ist eine an den Geist von CINEMA PARADISO (Giuseppe Tornatore, 1988) zwar erinnernde Annäherung, die vor dem Hintergrund der Kulturrevolution jedoch komplexer, multiperspektivischer angelegt ist: Eine späte Liebeserklärung an den Zelluloidfilm und das analoge Kino, wobei sich darüber hinaus auch Räume erschließen für Ambivalenzen, politische Implikationen und kritische Reflexion einer Vergangenheit, die nicht vergehen will.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Mit seiner universell ansprechenden Erzählung bietet der vielschichtige Film gute Möglichkeiten zur pädagogischen Erarbeitung. Zum besseren Verständnis von nicht hinreichend vertrautem kulturellem Hintergrund und politischem Subtext vermag eine exemplarische Analyse der Figurenkonstellation beizutragen. Die unterhaltsam und humorvoll begegnenden Elemente der prima facie faszinierenden Film-und-Kino-Hommage sprechen für sich. Vertiefend(er) lässt sich die dramatische Grundierung des differenziert gezeichneten Figurensettings mit Hilfe einer genaueren Betrachtung der zunächst im Ungewissen verbleibenden, widerstreitend erscheinenden, dann jedoch verbindenden Handlungsmotive der Protagonist*innen erschließen. Je nach Kontext und Rahmung der Rezeption eröffnet sich ein Diskursraum, in dem die im Film subtil angedeuteten, in China nie hinreichend aufgearbeiteten Menschenrechtsverletzungen, Verschleppungen und willkürlichen Inhaftierungen während der Kulturrevolution auf die aktuelle Situation im Lande überblendet werden können.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Middel
,
letzte Aktualisierung:
14.10.2022
Regie
Zhang Yimou
Buch
Zhang Yimou, Zou Jingzhi nach einer Novelle von Yan Geling
Darsteller*innen
Zhang Yi, Liu Haocun, Fan Wei, Li Yan, Li Xiaochuan, Cao Rui, Zhang Shaobo u. a.
Länge
103 Min
Sprachfassung
chinesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
MUBI
Festivals
(Auswahl 2021) San Sebastian International Film Festival; Toronto International Film Festival, Zurich Filmfestival