Inhalt
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrt der Soldat Raphaël in die Normandie zurück. Seine Ehefrau Marie ist während seiner Abwesenheit verstorben und hat ihm eine Tochter namens Juliette hinterlassen, der sich die Witwe Adeline liebevoll angenommen hat. Sie bietet Raphaël eine Bleibe auf ihrem Hof an, vermittelt ihm Arbeit in einer Werft. Später verdingt Raphaël sich als Kunstschreiner und verkauft Holzspielzeug in der nächstgelegenen Stadt. Die Dorfgemeinschaft blickt auf ihn und Juliette jedoch herab. Alle wissen, dass der Gastwirt des Dorfes Marie einst vergewaltigt hat. Als Juliette heranwächst, muss auch sie sich den Übergriffen der Dorfjungen erwehren. Trotz des feindseligen Umfelds entwickelt sie sich zu einer verträumten jungen Frau mit einer innigen Beziehung zu ihrem Vater und Adeline. Als sie zufällig einem jungen Piloten begegnet, scheint sich auch die Prophezeiung einer großen Liebe zu bewahrheiten.
Umsetzung
DIE PURPURSEGEL wirkt filmästhetisch auf eindrucksvolle Weise wie aus der Zeit gefallen: Handkamerabilder vom einfachen Landleben – auf 16mm gefilmt –, natürliche Lichtquellen und in die Erzählung hineinmontierte Archivaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg erzielen eine realistische Wirkung, während Elemente der heute etwas altmodisch wirkenden Genres Märchen und Musical diesen Eindruck in der zweiten Hälfte kontrastieren. Somit steht der Film sowohl in einer italienischen (Neorealismus) als auch in einer französischen Kinotradition (poetischer Film nach Jean Cocteau). Frei nach dem Roman des neoromantischen russischen Schriftstellers Alexander Grin („Das Purpursegel“, 1924) arbeitet Pietro Marcello weiter an den Themen, die schon seinen letzten Spielfilm MARTIN EDEN prägten: Auch hier erzählt er von den Gräueln des 20. Jahrhunderts, von Armut und dem Wunsch nach sozialem Aufstieg, von Geschlechterverhältnissen und Gewalt.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Mit seinem prägnanten kinematografischen Stil und dem Bezug auf die Zeit nach dem „Grande Guerre“ eignet sich der Film vor allem für den Kunst- und Französisch-Unterricht. Für die formale Analyse können die Schüler*innen jeweils in Gruppen Beobachtungsaufträge in die Sichtung mitnehmen: etwa zu den visuellen Motiven (Handarbeit, Märchenmotive, Flugzeug), den technischen Aspekten (16mm, Bildformat, Archivbilder), zur Licht- und Farbgebung (das titelgebende Purpur) sowie zum Einsatz der Musikstücke von Gabriel Yared. Wie ist der Begriff „Magischer Realismus“ zu verstehen, der dem Film häufig zugeschrieben wird? Ein wesentlicher Aspekt jeder Auseinandersetzung sollte die – im Bild und abseits des Bildes – thematisierte sexuelle Gewalt sein. Wie verhalten sich die betroffenen Frauen, wie verhält sich die Dorfgesellschaft im Film zu den Übergriffen? Was hat sich gesellschaftlich und rechtlich seitdem geändert? Kritisch sollte diskutiert werden, ob die Rolle des „Märchenprinzen“, auf den Juliette zu warten scheint, der Darstellung einer selbstbestimmten Frauenfigur nicht fundamental im Wege steht.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Jan-Philipp Kohlmann
,
30.06.2023
,
letzte Aktualisierung:
20.07.2023
Regie
Pietro Marcello
Buch
Pietro Marcello, Maurizio Braucci
Darsteller*innen
Juliette Jouan, Raphaël Thiéry, Noémie Levovsky, Louis Garrel u. a.
Länge
105 Min
Sprachfassung
deutsche Fassung, französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
16mm (digitalisiert), Farbe
FSK
ab 16 Jahre
Verleih
Piffl Medien
Festivals
Internationale Filmfestspiele Cannes 2022: Nominierung in der Quinzaine des Réalisateurs, Europäisches Filmfestival Sevilla 2022: Bester Regisseur (Pietro Marcello) u. a.