Inhalt
Harald Naegeli stammt aus gutsituiertem, kunstaffinem Zürcher Bürgertum. Künstlerisch ausgebildet und vertraut mit den Zeichnungen alter Meister, findet er über flächige Farbcollagen, dann in den 1970er Jahren über geschnittene Linien zu seinen Strichfiguren-Graffiti. Kunstavantgardistisch inspiriert verbindet er sie mit zivilisations- und urbanitätskritischen Botschaften und sprayt sie ab 1977 nachts auf Mauern und Hausfassaden seiner Heimatstadt. Die polarisierenden Graffiti verschaffen ihm nicht nur den legendären Ruf, sondern sie bringen ihm auch unzählige Anzeigen wegen Sachbeschädigung und mehrere Inhaftierungen ein. 1982 verlässt er Zürich und lässt sich in Düsseldorf nieder, um hier sowie im Wechsel mit seinem Schweizer Domizil künstlerisch weiter zu arbeiten – nicht ohne immer wieder seine kunstvollen Striche im öffentlichen Raum zu hinterlassen. Nachdem er, inzwischen über 80 Jahre alt und an einer Krebserkrankung leidend, seinen Lebensmittelpunkt wieder ganz in Zürich hat, sprayt er während des ersten Covid-19-Lockdowns über 50 „Totentänze“ in der Stadt, wofür ihn der Kanton verklagt, die Stadt ihm hingegen den Großen Kunstpreis für sein Lebenswerk verliehen hat.
Umsetzung
Die filmische Herangehensweise, die auch den Entstehungsprozess mitthematisiert, reflektiert Film als Medium und als Material. Aus dem Zusammenspiel von Gesprächen mit dem Porträtierten vor der Kamera und im Off, seinen kurzweiligen, teils mild-ironischen Selbst- und Werkinterpretationen und Statements von Wegbegleiter:innen und Kritiker:innen sowie der Aufbereitung der andauernden Kontroversen anhand archivalischer Materialien setzt sich ein facettenreiches Bild zusammen. Es bringt uns den Künstler Harald Naegeli nicht nur als „Sprayer von Zürich“ nahe. Medienübergreifend und kunstspartenverbindend, in gewisser Weise kongenial zu Naegelis Kunst, wird die Visualisierung von avanciert-unkonventioneller Musik und einem Balladenlied vom Sprayer sowie von typografisch besonders gestalteten und eigensinnig platzierten Textinserts vor dann einsetzenden Voice-Over-Passagen begleitet. Auf diese Weise versucht der Dokumentarfilm einer Kunst gerecht zu werden, die den Gegensatz zwischen ästhetischem Ausdruck und politischer Intervention von Anfang an zu überwinden versucht hat.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Der Film lädt Jugendliche, denen aktuelle Graffiti und Street Art-Bewegung soweit vertraut sein dürften, zur Auseinandersetzung mit einem bis auf den heutigen Tag politisch-ästhetisch kontrovers diskutierten „Vorreiter“ dieser Art von künstlerischer Intervention ein, ohne den Künstler Harald Naegeli darauf zu reduzieren. Die anschaulich dokumentierten Diskussionen um den Sprayer mit dem stets wiederkehren-den Muster „Kunst versus Sachbeschädigung“ bieten ebenso gute Anknüpfungsmöglichkeiten wie das in Person, Aktionen und Werk des Künstlers immer wieder zum Ausdruck kommende rebellische und utopische Moment einer Kritik an Zivilisation und globaler Umweltzerstörung. Die Reflexion von Naegelis einprägsam vorgetragenen Statements vermag für die Freiheit der Kunst und ihrer Mittel zu sensibilisieren, die insofern immer auch politisch ist, als dass sie auf die Notwendigkeit diesbezüglichen Handelns verweist. Filmanalytisch lassen sich Verfahrensweise und Rhythmus etwa anhand der spezifischen Doppelung durch Texttafeln und Voice Over und der unkonventionellen Musikdramaturgie erarbeiten.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Middel
,
26.11.2021
,
letzte Aktualisierung:
01.12.2021
Regie
Nathalie David
Buch
Nathalie David
Darsteller*innen
Mitwirkende Harald Naegeli, Christoph Sigrist, Markus Kägi, Mirjam Varadinis, Benjamin von Blomberg, Susanne Stamm, Christoph Doswald, Regine Helbling, Hans Martin Ulbrich, Corine Mauch
Länge
97 Min
Sprachfassung
deutsch- und schweizerdeutschsprachige Originalfassung, teilweise untertitelt
Format
digital, Farbe und Schwarz-Weiß
FSK
ohne Altersbeschränkung
Verleih
missingFILMs
Festivals
Zurich Film Festival 2021, Filmfest Hamburg 2021, 38. Kasseler Dokfest 2021