Inhalt
Seit Jahren ist Christine aufgrund einer Erkrankung an Multipler Sklerose an den Rollstuhl gefesselt. Ihrer Isolation versucht die junge Frau durch eine Reise mit einer Pilgergruppe des Malteserordens in den französischen Wallfahrtsort Lourdes zu entfliehen. Betreut wird sie von der jungen Maria, die mitten im Leben steht und für Christine das verkörpert, was ihr selbst versagt ist. In ihrer Zimmernachbarin, der älteren Frau Hartl, findet Christine zugleich eine emsige Helferin, die ihrer eigenen Einsamkeit zu entkommen versucht, indem sie für Christine betet. Tatsächlich kann Christine nach einigen Tagen plötzlich wieder gehen. Das offensichtliche Wunder erzeugt Neid und Hoffnung in den anderen Kranken, während Christine sich fragt, womit sie die Heilung verdient hat und ob sie anhalten wird.
Umsetzung
Formal bestechend und thematisch einzigartig ist der an Originalschauplätzen und vor authentischem Hintergrund in Lourdes gedrehte Spielfilm der Österreicherin Jessica Hausner eine "menschliche Komödie" über die Absurdität des Lebens, die oftmals verzweifelte Suche nach Sinn und Bedeutung darin und die Sehnsucht nach Erfüllung. "Lourdes" ist daher weniger ein streng religiöser oder gar katholischer als ein philo-sophischer Film über ein Wunder als Traum und Albtraum zugleich. In einer geschlossenen Gesellschaft und an einem weitgehend isolierten Ort wird eine parabelhafte Geschichte mit archetypischen Figuren und Prototypen erzählt, die der existenziellen Frage nachgeht, welche Rolle der Einzelne gegenüber sich selbst und der Gesellschaft zu spielen hat. Lange, oft statisch wirkende Einstellungen in der Halbtotale wechseln sich mit vielen Kamera-bewegungen und Zooms ab, lenken die Aufmerksamkeit, lassen zugleich Raum für eigene Beobachtungen und Rückschlüsse, sind in Bildaufbau und Farbdramaturgie bis ins Detail durchdacht.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Jugendliche sind in besonderer Weise auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer Identität. Auf dem Weg ins Erwachsenenleben stellt sich wohl jeder einmal die Frage, wer man ist, warum man lebt, was der Sinn des Lebens sein mag. Wenn der eigene Lebensweg mit besonderen Schwierigkeiten gepflastert ist wie Krankheit, Behinderung und Verzicht, stellt sich diese Frage umso eindringlicher. Indem der Film sich hier "billigen" Antworten verweigert, regt er zur Auseinandersetzung nicht nur im Rahmen des Religions- und Ethikunterrichts an. Weitere Anknüpfungspunkte bieten die Geschichte des Wallfahrtsorts und der Institution Kirche, die besondere Erzählstruktur des Films, die Analyse einer Gesellschaft und des Mythos "Wunder" sowie die stringente formale Gestaltung des Films, die heutigen Sehgewohnheiten zuwiderläuft, aber aufgrund der jugendaffinen Fragestellungen auch Jugendliche zu fesseln vermag.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Holger Twele
,
10.12.2009
,
letzte Aktualisierung:
15.05.2020
Regie
Jessica Hausner
Buch
Jessica Hausner
Darsteller*innen
Sylvie Testud, Léa Seydoux, Gilette Barbier, Gerhard Liebmann, Bruno Todeschini, Elina Löwensohn u. a.
Länge
99 Min
Sprachfassung
deutsche Synchronfassung / Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
35mm
FSK
ohne Altersbeschränkung
FBW
Prädikat „besonders wertvoll“
Verleih
NFP marketing & distribution
Festivals
Filmfestspiele von Venedig 2009 (Wettbewerb); Internationale Hofer Filmtage 2009 (deutsche Erstaufführung)