Inhalt
Zwei Jungen basteln sich eine Steinschleuder und befeuern Kakteen. Eine Großmutter kocht Spagetti mit Meeresfrüchten. Ein Radiomoderator spielt alte italienische Liebeslieder. Ein Arzt macht einen Ultraschall bei einer Schwangeren. Sie hat zu wenig Fruchtwasser. Kein Wunder, sagt der Arzt, bei dem was sie durchgemacht hat. Die Frau ist übers Mittelmeer geflohen und gehört zu denen, die knapp überlebt haben. Junge Männer aus Afrika, mit Diesel durchtränkter Kleidung, werden vor eine Wand gestellt und von Polizisten abgetastet. Schlaffe Körper, mehr tot als lebendig, werden aus einem Boot gezogen und auf ein Militärschiff gehievt. All diese Szenen werden auf und vor Lampedusa eingefangen. Sie spiegeln das Alltagsleben auf der kleinen italienischen Insel, an dessen Küste Jahr für Jahr zehntausende Menschen, die sich auf der verzweifelten Flucht nach Europa befinden, ankommen oder aber ihr Leben lassen.
Umsetzung
Sehr ruhig und zunächst sehr vorsichtig nähern sich die Filmemacher der grausamen Realität der sinkenden Boote – mal über die Tonspur eines Notrufs, mal über poetische, fast abstrakt wirkende Unterwasserbilder oder Bilder von hochmoderner, routinierter Rettungstechnik – um am Ende dann doch schockierend direkt zu werden. Ästhetisch auffällig ist zudem die Montage, die durch lange Einstellungen und harte Bildwechsel die verschiedenen Lebenssituationen gegenüberstellt und die Zuschauer/innen dazu aufzufordern scheint, selbst über Zusammenhänge zu reflektieren. Ohne Kommentar und Wertung werden die Menschen schlicht begleitet und beobachtet. Im Mittelpunkt steht der 12-jähige Inselbewohner Samuele, der sich scheinbar sorglos um sich selbst dreht. Einzig sein „träges“ Auge, das verlernt hat, scharf zu sehen, macht ihm das Leben schwer: Ein Sinnbild? Eine symbolische Klammer bildet zudem der Begriff des Seefeuers, eigentlich ein Liedtitel, der das Feuer des Zweiten Weltkriegs vor der Küste der Insel meint.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
„Seefeuer“ handelt von der Koexistenz zweier Realitäten, die auf kleinstem Raum zusammentreffen: Lampedusa ist seit jeher Heimat von Sehfahrer- und Fischerfamilien. Und die Insel ist ein erster Anlaufpunkt derjenigen, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben, oder schlicht um zu Überleben, auf den gefährlichen Weg nach Europa machen. Die Eindringlichkeit, mit der diese Koexistenz vermittelt wird, basiert einerseits auf der außergewöhnlichen Filmsprache. Andererseits beruht sie auf der Tatsache, dass der Alltag auf Lampedusa als Metapher für die gegenwärtige Situation Europas gelten kann. Unweigerlich dringt diese Erkenntnis ins Bewusstsein der Zuschauer/innen und stellt sie vor die Frage, welche Haltung sie selbst in Bezug auf die humanitäre Katastrophe einnehmen. Diese Frage kann im Unterricht aufgegriffen werden. Zugleich ließe sich die Wirkung der filmischen Mittel analysieren sowie darüber diskutieren, welche Perspektive die Filmemacher zeigen bzw. welche politische Aussage dabei möglicherweise zum Ausdruck kommt.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Dr. Lisa Gadatsch
,
10.06.2016
,
letzte Aktualisierung:
29.04.2020
Regie
Gianfranco Rosi
Buch
Gianfranco Rosi nach einer Idee von Carla Cattani
Darsteller*innen
Mitwirkende: Samuele Caruana, Samuele Pucillo, Pietro Bartolo, Giuseppe Fragapane, Maria Costa, Mattias Cucina u.a.
Länge
108 Min
Sprachfassung
italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
FBW
Prädikat „besonders wertvoll“
Verleih
Weltkino Filmverleih
Festivals
Auswahl: Berlinale 2016: Goldener Bär; DOK.fest München 2016: Amnesty International Filmpreis 2016