Inhalt
Nicht auffallen, am besten unsichtbar sein – die neunjährige Cáit weiß, was zuhause von ihr erwartet wird. Im Frühjahr 1981 ist ihre Mutter mit dem fünften Kind schwanger, der Vater treibt sich in Pubs und Wettbüros herum, auf dem Feld bleibt das Heu liegen und manchmal gehen Cáit und ihre Schwestern ohne Pausenbrote zur Schule. So ist es der Familie ganz recht, dass ihre jüngste Tochter den Sommer auf dem Bauernhof von entfernten Verwandten verbringen kann, die kinderlos sind. „Sie wird euch die Haare vom Kopf fressen“, warnt Vater Dan, bevor er sich davonmacht, ohne daran zu denken, Cáits Koffer auszuladen, ohne eine Umarmung, bevor er sein Kind bei Fremden zurücklässt. Doch in der zärtlichen Obhut von Eibhlín, die ihr das Haar kämmt und keine Vorwürfe macht, wenn morgens die Matratze nass ist, blüht Cáit langsam auf. Sie erlebt Fürsorge, Geborgenheit, Nähe, darf endlich Kind sein – und erkennt instinktiv, dass ihren Pflegeeltern etwas widerfahren ist, für das sie keine Worte haben.
Umsetzung
Das Licht in den Baumwipfeln, Zigarettenstummel im Aschenbecher, der Blecheimer, den Eibhlín trägt, wenn sie zur Quelle geht – immer wieder fängt die Kamera Details ein, die wie erinnerte Bilder wirken und die zeigen, dass Cáit ihre Umwelt aufmerksam beobachtet. So entgeht ihr keineswegs, dass die Tapete in ihrem neuen Zimmer mit Eisenbahnen bedruckt ist. Der Film nimmt Cáits Perspektive ein, die vieles wahrnimmt, aber nicht alles einordnen kann. Das verdeutlicht auch das etwas enge Bildformat mit einem Seitenverhältnis von 1,37:1 – sie kann als Kind quasi noch nicht „über den Rahmen“ hinausschauen. Vieles, was Cáit in diesem Sommer macht und sieht, scheint sie zudem besonders intensiv zu erleben, was durch den Einsatz von Zeitlupen verdeutlicht wird. Dialoge und Musik sind sparsam eingesetzt, nicht alles wird auserzählt. Stattdessen setzt der Filme auf die Kraft der Bilder, die zugleich – eben weil sie meist Cáits Sicht spiegeln – auch das titelgebende stille Mädchen charakterisieren.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
THE QUIET GIRL, der im ländlichen Irland spielt, ist ein so poetischer wie emotionaler Film. Mit Schüler*innen ab 12 Jahren lässt sich darüber sprechen, welche Bedeutung Familie hat und ob man sich diese aussuchen kann (gerade auch in Bezug auf das offene Ende, an dem Cáit zu ihren Eltern zurückkehrt). Interessant ist, dass dem in Märchen weit verbreiteten Bild der „bösen Stiefeltern“ hier widersprochen wird. Zudem regt der Film dazu an, sich mit den UN-Kinderrechten auseinanderzusetzen und mit der Frage, was Kinder brauchen, um sich körperlich und seelisch entwickeln zu können. In der filmpädagogischen Arbeit empfiehlt sich eine Sichtung des Films in der OmU-Fassung, denn der Film wurde in irisch-gälischer Sprache gedreht, was den Film nicht nur lokal verortet, sondern ihm auch eine besondere Authentizität verleiht. Zudem kann das Thema der Trauer(arbeit) vertieft werden. Wie gehen Cáits Pflegeeltern mit dem erlittenen Verlust um und wie wirkt sich dies auf ihre Beziehung (besonders die von Seán) zu dem Mädchen aus? Wie geht die Gesellschaft damit um? Wie die Geschichte von Cáit weitergehen könnte, ist eine praktische Übungsaufgabe für alle Klassenstufen.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Kirsten Taylor
,
28.10.2023
,
letzte Aktualisierung:
31.10.2023
Regie
Colm Bairéad
Buch
Colm Bairéad nach der Erzählung „Das dritte Licht“ von Claire Keegan
Darsteller*innen
Catherine Clinch, Carrie Crowley, Andrew Bennett, Michael Patric, Kate Nic Chonaonaigh u. a.
Länge
96 Min
Sprachfassung
deutsche Fassung, irisch-gälische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 12 Jahre
Verleih
Neue Visionen Filmverleih
Festivals
(Auswahl) Internationale Filmfestspiele Berlin 2022, Sektion Generation: Großer Preis der Jury; Dublin International Film Festval 2022: Publikumspreis; Dublin Film Critics‘ Circle Award 2022: Bester irischer Film; Academy Awards (Oscar®) 2023: Nominierung Bester fremdsprachiger Film