Inhalt
In ihrem Dokumentarfilm rekapituliert die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann die Affäre um Kurt Waldheim (1918-2007). Der Ex-Außenminister (1968-1970) und UN-Generalsekretär (1972-1981) trat 1986 zur österreichischen Bundespräsidentenwahl an, als durch Presseberichte und Recherchen des Jüdischen Weltkongresses eklatante Lücken in seiner Biografie bekannt wurden. Der Kandidat hatte seine SA-Mitgliedschaft seit 1938 und seine Tätigkeit als Offizier der Wehrmacht von 1942 bis 1944 verschwiegen. Zudem bestritt er jede Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen auf dem Balkan und behauptete, davon nichts gewusst zu haben. Trotz schwer belastender Dokumente sprach Waldheim wie seine Anhänger von einer "Schmutzkübelkampagne" und gewann nach einem aufgeheizten Wahlkampf mit antisemitischen Untertönen im zweiten Durchgang die Wahl. Er blieb bis 1992 im Amt, wurde aber international geächtet und von keinem westlichen Staatsoberhaupt eingeladen.
Umsetzung
Der Film konzentriert sich auf den Zeitraum vom Bekanntwerden der Vorwürfe am 3. März bis zur Stichwahl am 8. Juni 1986 und zeichnet, markiert durch eingeblendete Datumsangaben, wichtige Stationen Wahlkampfes nach. Eine lebhafte Montage kombiniert viele Fernsehbilder, Archivaufnahmen und Fotos mit Video-Aufnahmen, die Beckermann als Aktivistin etwa bei Wahlkampfauftritten und Protestaktionen selbst gemacht hat. Die 1952 in Wien geborene Regisseurin, deren Eltern den Holocaust überlebt haben, kommentiert die 32 Jahre alten Bewegtbilder in sehr persönlichen Einlassungen häufig aus dem Off. Gelegentlich liefern Schrifttafeln wichtige Hintergrundinformationen, so etwa dass eine internationale Historikerkommission 1988 keine persönliche Verwicklung Waldheims in Kriegsverbrechen feststellte, wohl aber moralische Schuld.
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Im Film stellt der Journalist Hugo Portisch die These auf, dass die Deutschen sich nach dem Krieg zu ihrer Schuld bekannten, Verantwortung übernahmen und Entschädigungen an Opfer zahlten, während die Österreicher sich als Opfer des NS-Regimes darstellten, eigenes Fehlverhalten verdrängten und keine Entschädigung zahlten. Ist diese Analyse treffend? Hat sich daran etwas seit Waldheim geändert? Für Beckermann ist die Waldheim-Affäre ein Wendepunkt in Österreich, an dem die Zivilgesellschaft und die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit begonnen hätten. Der Film zeigt mit Anti-Waldheim-Protesten erste Ansätze dazu. Welche weiteren Belege lassen sich finden? Der gezeigte Wahlkampf war durch Medienschelte, Lügen und antisemitische Parolen gekennzeichnet und lädt zu Vergleichen mit den Kommunikationsstrategien heutiger Politiker von Donald Trump bis Viktor Orbán ein. Im Unterricht können Arbeitsgruppen Parallelen und Unterschiede aufspüren.
Veranstaltungen
Wenn Sie Interesse an einer Schulkinoveranstaltung haben, setzen Sie sich bitte mit
einem Kino in Ihrer Umgebung in Verbindung. Dort wird man Sie gern beraten. Gern sind
wir Ihnen auch bei der Kontaktaufnahme behilflich.
Autor*in: Reinhard Kleber
,
24.09.2018
,
letzte Aktualisierung:
27.07.2023
Regie
Ruth Beckermann
Buch
Ruth Beckermann
Darsteller*innen
Mitwirkende: Kurt Waldheim, Israel Singer, Ruth Beckermann, Fred Sinowatz, Alois Mock, Gerhard Waldheim u. a.
Länge
93 Min
Sprachfassung
mehrsprachige Originalfassung (deutsch, englisch, französisch) mit deutschen Untertiteln
Format
digital, Farbe
FSK
ab 6 Jahre
Verleih
Edition Salzgeber
Festivals
Auswahl: Berlinale 2018, Forum: Glashütte-Original-Dokumentarfilmpreis; Tel Aviv International Documentary Film Festival: Spezialpreis der Jury; Atlantida Film Festiv Palma de Mallorca: Publikumspreis, Vorschlag Österreichs für den Oscar für den Besten nicht-englischsprachigen Film 2019